Statement der HortretterInnen zum ZEIT-Artikel vom 11.10.2021: „Ganztagsbetreuung an Grundschulen: “Kinder wünschen sich Rückzugsorte”

Lübeck, 17. Oktober 2021

Wie gut, dass zumindest die letzten Horte in Lübeck durch engagierte Eltern gerettet werden konnten. So wird – wenn es dann zur Umsetzung des Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung kommt – immer auch ein Qualitätsabgleich zwischen Hort und “Ganztag am Schule” in Lübeck möglich sein. Denn neben der Hortrettung wurde dank der Eltern in Lübeck auch beschlossen, dass die hohen Hortstandards ebenfalls im “Ganztag an Schule” einzuführen sind. Dies wird in Lübeck mit dem kommenden Rechtsanspruch auf Schulkinderbetreuung hoffentlich endlich Realität werden und verlässlich Qualität für alle betreuten Schulkinder und nicht nur für einige in den Horten sicherstellen. 

Dennoch: Wir sind in Lübeck noch weit entfernt davon, dass “Ganztag an Schule” den Hortstandards zum Beispiel in Bezug auf Raum und Fachkräftegebot entspricht. Lübeck wird diesbezüglich inhaltlich, finanziell und personell noch viel in den “Ganztag an Schule” investieren müssen. Dazu wird unter Umständen auch gehören, dass neue Horte unumgänglich werden, weil an zahlreichen Lübecker Grundschulen bereits jetzt kein ausreichender Platz für aller Kinder gegeben ist.

Schulforscher Markus Sauerwein in DIE ZEIT vom 11.10.2021:

„Ganztagsbetreuung an Grundschulen: “Kinder wünschen sich Rückzugsorte”

ZEIT ONLINE: Herr Sauerwein, fünf Jahre noch, bis jedes Grundschulkind ein Anrecht auf einen Ganztagsschulplatz hat. Viel zu lange hin oder viel zu wenig Zeit?  

Markus Sauerwein: Die Bundesländer sind unterschiedlich weit. In Baden-Württemberg, Bayern und in Schleswig-Holstein ist der Nachholbedarf groß. 

Sauerwein: (…) Da der Anspruch auf einen Ganztagsschulplatz in der Sozialgesetzgebung veranschlagt wird und nicht bei den Schulbehörden, könnten sogar wieder neue Horte entstehen. 

ZEIT ONLINE: Im Hort spielt das Lernen im Nachmittagsangebot oft keine große Rolle. Müssten nicht im Sinne der Bildungsgerechtigkeit verpflichtende Ganztagsschulen das Ziel sein?

Sauerwein: Das kommt darauf an, was man unter Bildungsgerechtigkeit und Lernen beziehungsweise Bildung versteht. Zunächst gibt es auch in Horten eine Hausaufgabenbetreuung, nur sind dort keine Lehrkräfte angestellt. Allerdings ist die schulische Organisation des Ganztags kein Garant dafür, dass Leistungsdefizite kompensiert werden. Unsere Studien zeigen, dass Ganztagsschule insgesamt keine leistungssteigernden Effekte hat. (…)

Sauerwein: Zum einen sind gebundene Ganztagsschulen politisch in Deutschland gar nicht durchsetzbar, weil sie die Rechte der Eltern einschränken, und zum anderen sind freiwillige Angebote kindgerechter.

ZEIT ONLINE: Inwiefern kindgerechter?

Sauerwein: Die Kindheit ist eine eigene Lebensphase, in der das Recht auf Spiel den gleichen Stellenwert haben sollte wie das Recht auf Schulbildung. Kinder sollten nicht nur in der Erwachsenenlogik funktionieren müssen, in der es um Schulnoten und Jobchancen geht. Sie lernen auch, wenn sie spielen. Qua Gesetzestext zu den Ganztagsschulen ist aber leider nur die Betreuung für die Eltern gesichert – und das ohne jede Qualitätsstandards. 

(…) Kinder wünschen sich außerdem echte Beziehungen mit ihren Betreuerinnen auf Augenhöhe: Sie wollen gefragt werden, was sie machen wollen. Und sehr viele wollen längere Pausen, in denen mal nichts stattfindet. Und Rückzugsmöglichkeiten. Darauf aber sind Schulen gar nicht eingerichtet. (…) Ganztagsschule heißt für viele Kinder (…) auch, ständig unter Beobachtung zu sein, und dem möchten sie entkommen.“

Link zum ganzen Artikel: https://t1p.de/8i0x

image_pdfspeichernimage_printdrucken